Einführung zur Ausstellungseröffnung in der Norishalle Nürnberg

Was Wirklichkeit ist, das ist im Zeitalter der zweidimensionalen Fernseh-Bilder, die sich so beherrschend vor die dreidimensionale Wirklichkeit gestellt haben, eine der am intensivsten diskutierten philosophischen Fragen. Doch gleichgültig, mit welchen Mitteln wir ein Bild herstellen, ein   Bild bleibt immer ein Bild, und seine Wirklichkeit ist die eines Bildes. In allen Wirklichkeits-Imitationen aber, auf technischem, wissenschaftlichem und künstlerischem Gebiet, schwingt die Sehnsucht mit, den Schöpfungsakt zu wiederholen: zu sein wie Gott, das bedeutet auch, etwas herstellen zu können, das der erfahrenen Wirklichkeit gleich -oder nahe kommt. Dabei haben sich die Annäherungswerte im Laufe der Jahrtausende verändert. Nach Erfindung der Perspektive zum Beispiel gelang es, den dreidimensionalen Raum darzustellen. Heute können wir darüber hinaus mit den Mitteln des Films auch Bewegung darstellen und seit Erfindung des Fernsehens sogar in „Jetzt-Zeit“, das heißt Gegenstand der Imitation ist nun auch die vierte Dimension, die Zeit. Immer nach Erfindung neuer darstellerischer Mittel hat man sich über die wirklichkeitsimitierende Qualität der Bilder zu nächst täuschen lassen. Wenn man dabei so manches heute nicht mehr verstehen kann, so mag das Beispiel, das ich jetzt zitiere, doch erhellend sein für die eigene Täuschung. So sagte einst Bocaccio über Giotto: „Er hat ein so ausgezeichnetes Künstlertalent, daß die Natur, die Mutter und Schöpferin aller Dinge unter dem Sternkreise, nichts darbietet, was er nicht mit Griffel, Feder oder Pinsel ihr so ähnlich dargestellt hat, daß es ihr nicht nur ähnlich, sondern vielmehr sie selbst zu sein schien, und zwar in einem so hohen Grade, daß die Wahrnehmung von ihm gemalte Dinge für wirklich nahm, die doch nur täuschend gemalt waren. „Auch über den Charakter der Bilder unseres Zeitalters unterlag man anfangs der gleichen Täuschung. Doch man ist längst dabei, dies zu durchschauen und arbeitet bereits wieder an ihrer Perfektionierung. Wo bei die parallelen Entwicklungen der Schaffung virtueller Welten und der Aufdeckung ihrer Scheinhaftigkeit sich ins Unendliche bewegen. Dabei ist die Wirklichkeit wie die Möhre, die man dem Esel vor den Kopf gebunden hat. Meistens und auch heute wieder ist es die Kunst, die die technischen Mittel auf ihre wahren Möglichkeiten hin prüft. Der wiederständlerischen Behauptung gemäß, daß das Bewußtsein das Sein bestimme, werden die künstlerischen Welten mit ihren eigenen Mitteln geschlagen. Der Hybris, die heute auf wissenschaftlich-technischem Gebiet gelegentlich anzutreffen ist, setzen die Künstler eine geradezu platonische Bescheidenheit entgegen, indem sie die Bilder als Scheinbilder von Scheinbildern entlarven. Genau hier ist der Ansatzpunkt der Arbeiten von Michael Munding.

Er malt wunderschöne Landschaften, Burgen und Wälder, so recht nach den Wunschbildern, die wir alle tief in unseren Herzen haben. Doch täuscht er uns damit in mehrerlei Hinsicht: Nicht vor der freien, uns großartig erscheinenden Natur sind diese Bilder entstanden oder zumindest konzipiert, sondern am kleinen Arbeitstisch in seiner Wohnung. Gemalt sind diese Landschaften aber nicht in der Konfektionsgröße der Kaufhausmalerei, wie sie den Motive und ihrem Platz im Wohnzimmer entsprechen würden, sondern die Postkartenvorlagen werden nur postkartengroß reproduziert. Ein Format übrigens, das sei beiläufig erwähnt, uns als gängiges Reproduktionsformat in den Kunstbildbänden auch im Umgang mit der Kunst heute so vertraut geworden ist. Es ist Die Reproduktion, mit der wir gelernt haben zu leben, zu denken und zu arbeiten, nicht das Original, das wir fast so selten wie das Turiner Leichentuch sehen. Vorbild von Mundings Bildern ist folgerichtig auch nicht die Wirklichkeit, sondern ihre Reproduktion einschließlich ihrer technisch-formalen Eigenheiten von der Farbstichigkeit bis hin zur Bildaufteilung. Inzwischen sind über 400 dieser sogenannten Postkarten entstanden. Das Thema Wirklichkeit und Reproduktion beschäftigt Munding jedoch schon länger, mit den Postkarten erst brachte er es auf das Format das ihn befriedigte.

Wenn man die Arbeiten dort auf der Theke liegen sieht, sind sie fast verwechselbar mit der touristischen Massen ware. Auf den zweiten Blick jedoch sind es Imitationen mit entscheidenden Abweichungen. Die Formate sind um weniges größer als üblich, das Material kein Hochglanzdruck auf Papier, sondern akribische, an Miniaturmalerei erinnernde Mischtechnik auf Metall und hochglanzlackiert. Wenn man die Karten in die Hand nimmt, wiegen sie relativ schwer. Munding versteht sie als Objekte.
Auch bei der Präsentation geht es nicht um Mimikry. Mundings Karten sollen den Zwischenraum besetzen zwischen Kunst und Alltag oder Kitsch und Kunst oder Kunst und Wirklichkeit, wie immer man diese Kontrastpaare auch bezeichnen mag. Die Motive sind nicht nach System, sondern nach subjektivem Gefallen ausgesucht, gehen manchmal auch auf eigene Fotos zurück, doch scheinen sie repräsentativ für die deutsche Postkartenkultur zu sein. Und nicht  selten ist es dabei so, da auch die Wirklichkeit hinter diesen Bildklischees bereits von so dichten Schichten des Scheins belagert ist, daß sie in dieser Darstellungsform eine Entsprechung gefunden hat, wie sie besser nicht sein könnte.

Der wilhelminische Prachtbau des Völkerschlachtendenkmals zum Beispiel wurde einst als Fanal nationaler und nationalistischer Gesinnung errichtet. Dabei vereinte die Schlacht gegen den französischen Nationalhelden Napoleon ein multi-nationales Heer. Und der Schwarzwald, der auf diesen Karten so schwarz und schweigend steht, gilt als des Deutschen liebster Wald. Heute ist er von der Umweltkatastrophe bedroht, vom Tourismus überrollt. Neuschwanstein schließlich des Deutschen liebste Burg, ließ sich Ludwig, des Deutschen liebster König, der Fürst des Scheins, der Ahnherr der Simulation, in seiner Vorstellung vom Mittelalter errichten und machte sie zu einer Wirklichkeit, die wirklicher erscheint als jede Wirklichkeit sein kann.

In den mehrmaligen Übertragungen von Wirklichkeiten in den gemalten Miniaturen Michael Mundings liegt eine Künstlichkeit, in der etwas Gefährliches und auch Gefährdendes mitschwingt. In ihrer Multiplikation mit sich selbst deckt diese Künstlichkeit unsere Wahrnehmungsweisen zugleich mit unseren Sehnsüchten auf. Was ist denn nun Wirklichkeit? Diejenige dieser Karten? Oder jene andere, weit hinter den sieben Bergen der schwarzen Wälder, die wir mit so großen Anstrengungen verdrängen?
Jedenfalls sitzt Munding mit seinen Postkarten an den Schaltstellen der Verdrängungsmechanismen, die Wunschbild und erfahrene Wirklichkeit immer weiter auseinander driften lassen.
Zwischen Künstlern wie Thomas Ruff oder Gerhard Richter, Cindy Sherman oder Jeff Koons ist heute das weite Feld der Wirklichkeitsbefragung und -erweiterung abgesteckt, zu dem auch Michael Munding gehört. Es umfaßt die verschiedensten Medien, Stile und Ausdrucksformen. „Post-realistisch“ nennt Munding seine eigenen Arbeiten. Ein passender Begriff im Zeitalter der Post-Moderne.



Lisa Puyplat, 1991
Joseph von Westphalen:
Verkannte Karten


Nicole Fritz:
Mona Lisa grüßt Waldi


Gerhard Pfennig:
merchandise


Jean Rosenheim:
Zu den Arbeiten von Michael Munding


Lisa Puyplat:
Eröffnungsrede